Hämatologische & Onkologische Praxis Stadthagen
'In erster Linie lebe ich, das schadet dem Krebs'

'In erster Linie lebe ich, das schadet dem Krebs'

Wie kann man mit der Diagnose leben?

Die Diagnose eines bösartigen Tumors lässt nichts im Leben mehr so erscheinen wie es vorher war. Jede Patientin und jeder Patient entwickelt ganz eigene Strategien zum Umgang mit der – meist als existenzbedrohend empfundenen – Krankheit. Hier das Porträt einer Patientin:

Claudia Thier* war 34 Jahre alt, als im Rahmen einer Routineuntersuchung bei ihr ein Tumor in der rechten Brust entdeckt wurde. Nach einer brusterhaltenden Operation und einer Bestrahlungsserie schien der Krebs besiegt. Sechs Jahre später jedoch wurde an derselben Stelle wieder ein Tumor festgestellt.

Auch diese Nachricht traf die Mutter von drei Söhnen wie aus heiterem Himmel. „Nach mehr als fünf Jahren war ich davon ausgegangen, dass ich jetzt durch und durch gesund bin“ berichtet Frau Thier. Statt dessen wurde ein verhältnismäßig großer Tumor diagnostiziert. Sechs Lymphknoten der Achselhöhle, so stellte sich bei der später vorgenommenen Brustamputation heraus, waren ebenfalls schon befallen.

Aus der Konfusion in den Kampf

Nach zwei Tagen absoluter Konfusion, unendlich langen Telefonaten mit einer guten Freundin, vielen Gesprächen mit ihrem Mann und dem betreuenden Klinikarzt, hatte Frau Thier einen Entschluss gefasst: Sie wollte kämpfen, kämpfen um die beste zur Verfügung stehende Behandlung, „alle, aber auch wirklich alle Informationsquellen wollte ich anzapfen“ erzählt Claudia Thier rückblickend. Das Schwerste stand aber zunächst bevor: Ein klärendes Gespräch mit den Kindern. „Die hatten natürlich mit bekommen, dass etwas ganz Grundsätzliches nicht in Ordnung ist, und deshalb hatte dieses Gespräch absolute Priorität.“ Die Eltern haben nicht schöngefärbt, sondern gesagt, dass da etwas „in der Mama wächst, das herausoperiert werden muss“. Unausgesprochen war damit auch die Hoffnung verknüpft, dass nach der Operation alles wieder einigermaßen in Ordnung ist. „Diese Perspektive muss man Kindern geben, sonst tragen sie zu schwer an dieser Last“, davon ist Claudia Thier überzeugt.

Ein Vertrauter mit genügend Distanz

Nachdem die Familie unterrichtet war, ging die Informationssuche los. Internet, Fernsehen, Zeitschriften, Zeitungen, Bücher: überall und nirgends war etwas über Krebs zu erfahren. „Es ist aber schlicht nicht möglich“, so Frau Thier einschränkend, „sich als Laie so umfassend auf ärztliche Gespräche vorzubereiten oder eigene Entscheidungen zu fällen.“ Wichtig sei deshalb in einer solchen Situation, dass es eine oder einen Vertrauten gibt, der oder die genügend Distanz zur aktuellen Situation hat, um in allen möglichen Gesprächen die richtigen Fragen zu stellen.

Claudia Thier und ihr Mann baten einen Freund, ihnen eine Zeitlang zur Seite zu stehen. Frau Thier dazu: „Dieser Freund – nennen wir ihn Hartmut Schmidt – hat uns überhaupt keine Entscheidungen abgenommen, aber er hat gesagt, worauf er selbst bei sich oder seiner Frau achten würde.“ Herr Schmidt war beim Aufklärungsgespräch in der Klinik dabei, als die Amputation der Brust besprochen wurde. Auf seine Anregung gab es nach der Operation auch einen Kontakt zu einem weiteren Onkologen, der eine „zweite Meinung“ bezüglich der Chemotherapie abgab. Die beiden Ärzte einigten sich im kollegialen Austausch, und Frau Thier war schließlich sicher, die angemessene Therapie zu erhalten.

„Der Kampf ist es nicht allein“

Und heute? Etwas mehr als ein Jahr ist seit der Diagnose des Rezidivs vergangen. „Heute bin ich immer noch sehr wachsam,“ resümiert Frau Thier, „aber ich bin wesentlich gelassener“. Die Chemo-therapie ist gut überstanden, einige unterstützende Maßnahmen laufen noch, und sie geht regelmäßig zur Nachsorge. Eines habe sie gelernt, so Frau Thier zum Schluss: „Der Kampf ist es nicht allein. Heute lebe ich in erster Linie, achte auf mich, widme mich meiner Familie. Denn das ist es, was dem Krebs am meisten schadet.”

*alle Namen von der Redaktion geändert

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